„Das Virus hat uns an eine Zeitwende gebracht. Beides ist jetzt möglich, das Strahlende und das Schreckliche“[1]. Mit diesen Worten kommentierte der deutsche Schriftsteller und Anwalt Ferdinand VON SCHIRACH Ende März 2020 den Ausbruch der Corona-Pandemie. Fast zwei Jahre später stellt sich also die Frage, was die letzten Monate überwog: das Schreckliche oder das Strahlende?
Zuerst ein paar Wörter zu dem Schrecklichen.
896 Menschen sind in Luxemburg bisher am Corona Virus verstorben[2]. Jedem Toten sollte im Rückblick auf eine solche Pandemie gedacht werden. Im Pandemietrubel kam dieses Gedenken an die Verstorbenen sicherlich zu kurz. Viele andere Menschen, die sich mit dem Virus infiziert hatten, hatten das Glück die Krankheit zu überleben, klagen jedoch über diverse Langzeitfolgen. Ihnen sollte versichert werden, dass sie auf die gesellschaftliche Unterstützung und vor allem die Solidarität während ihres Genesungsprozesses zählen können.
Wohl eher unter dem Deckmantel der Pandemie kroch etwas weiteres Schreckliche empor:
Am 4. Dezember 2021 taten sich gesellschaftliche Abgründe auf, als ein wütender Mob den Weihnachtsmarkt in Luxemburg-Stadt stürmte, das Haus des Premierministers belagerte und Objekte in der unmittelbaren Umgebung gezielt zerstörte. Mit Meinungs- respektive Demonstrationsfreiheit hatten diese Vorgänge nichts mehr zu tun. Es war vielmehr ein Angriff auf unsere freiheitliche Demokratie. Ein solcher ist in einem freiheitlichen Rechtsstaat nicht vertretbar. Er muss mit den Mitteln des Rechtstaats geahndet und in Zukunft unterbunden werden; weitere Angriffe auf Polizist*Innen, Journalist*Innen, Politiker*Innen oder andere Repräsentant*Innen unseres Staates sind schlichtweg nicht hinnehmbar.
Die letztgenannten grauenhaften Ereignisse können das Strahlende, zwar temporär betrüben, sollten aber nicht in Vergessenheit treiben welch große Anstrengungen von breiten Teilen der Gesellschaft in dieser Pandemie erbracht wurden – kommen wir also zum Strahlendem:
Durch viel gesellschaftliche Zurücknahme und Vernunft ist es uns, als Gesellschaft, gelungen gegen dieses Virus anzukommen. Ein Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung konnte verhindert werden und dies nur weil wir als Gesellschaft auf unzählige soziale Kontakte verzichteten und vernünftig gehandelt haben. Tote vermeiden und das Gesundheitssystem nicht überlasten sind und bleiben die Hauptziele aller Anstrengungen und Maßnahmen.
Die Solidarität war, die letzten Monate, der Schlüssel zum Erfolg.
Eine solidarische Gesellschaft strahlt!
So kam es jederzeit auf viele Einzelne und doch auf uns alle an. Würde man rückblickend einzelne Akteure herausstreichen müssen, wären es wohl folgende:
Dank den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen behielten wir das Virus nicht nur bestmöglich in Schach, sondern besitzen seit einigen Monaten das beste Mittel gegen diese Pandemie: einen Impfstoff.
Auf das Krankenhauspersonal, dessen Arbeitslast sich ins Unermessliche gesteigert hat, war und ist in dieser Krise verlass. Sie klagten nicht über die erhöhte Arbeitslast, sondern stellten sich in den Dienst der Allgemeinheit. Ihnen muss die Gesellschaft jetzt Luft verschaffen, damit das Gesundheitspersonal sich von der enormen Arbeitslast erholen kann und der Corona Notstand in unseren Krankenhäusern ein Ende finden kann.
Beide Berufsgruppen stehen sinnbildlich für all jene die sich in dieser Krise besonders hervorgetan haben und Besonderes geleistet haben. Ihnen muss auch nach der Krise gedacht werden und durch konkrete (politische) Maßnahmen etwas zurückgegeben werden.
In Luxemburg, wo der Unternehmergeist nicht selbstverständlich ist, sollte auch allen Unternehmern und Unternehmerinnen, die unter den Pandemiebekämpfungsmaßnahmen litten und einer unsicheren unternehmerischen Zukunft ins Auge blickten oder blicken, ein Dank erbracht werden. Dies sowohl für ihr Engagement im Kampf gegen die Verbreitung der Pandemie, sei es bei der eigenen Belegschaft oder ihren Kunden, als auch für ihr Verständnis und ihre Geduld, die sie während der letzten fast zwei Jahre in unsicheren Zeiten an den Tag gelegt haben.
Die gesellschaftlichen Einschränkungen haben die Kinder und Jugendlichen wohl mit am härtesten getroffen und leider gehörte die Quarantäne 2021 zum Schulalltag. Vor allem die Jugend braucht die Freiheit sich entfalten und entwickeln zu können; diese Freiheit konnte jedoch über lange Strecken nicht geboten werden. Aus Solidarität haben die Jüngsten in unserer Gesellschaft auf vieles verzichten müssen. Ein Akt von Solidarität wäre es deshalb, wenn jedermann sich freiwillig impfen lassen würde, auch um den Kindern und Jugendlichen ihre Freiheiten zurückgeben zu können.
Ihnen allen sollte versichert werden, dass die Gesellschaft alles dransetzen wird, dass sich endlich ein Ausgangspfad aus der endlosen Coronaschleife aufzeigt! Es ist klar, dass wir immer nur als gesamte Gesellschaft dieser Pandemie trotzen konnten und nur gemeinsam optimale Voraussetzungen für eine Beendigung der Pandemie schaffen können.
Je länger jedoch eine Minorität die überwältigende Mehrheit in gesellschaftliche Geiselhaft nimmt und sie in dieser endlosen Coronaschleife gefangen hält, desto größer wird der gesamtgesellschaftliche Schaden. Wir müssen diese Pandemie jedoch endlich hinter uns lassen, denn es stehen größere Aufgaben vor uns, gegen die keine Impfung entwickelt werden kann und auf die die Gesellschaft sich jetzt vorbereiten muss – Stichwort: Pfad zur klimaneutralen Gesellschaft.
Der Impfstoff wurde mittlerweile milliardenfach verabreicht. Er ist sicher und ist der Weg aus der Pandemie. Auch wenn neue Mutanten die Karten neu mischen könnten, muss man jetzt doch dafür sorgen, als Gesellschaft die bestmögliche pandemische Ausgangsposition zu erreichen. Dies sind wir auch all jenen schuldig, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können und deren Leben weiterhin stark eingeschränkt ist.
Im Augenschein der Solidarität, dem Strahlenden, müsste dieser Schritt von einem jeden freiwillig zu erwarten sein. Das Schreckliche, der Egoismus sich andauernd auf die eigene individuelle Entscheidung bezüglich der Impfung zu stützen, scheint jedoch bei manchen zu überwiegen; um die Pandemie jedoch weitestgehend zu bekämpfen braucht es alle.
Die Entscheidung zur Impfung war und ist keine Individuelle. Mit Hilfe der Impfung schützt man nicht nur sich, sondern auch seine Nächsten. In einem gesellschaftlichen Zusammenleben, und nicht nur in einer Pandemie, darf der Staat von seinen Mitbürgern und Mitbürgerinnen Pflichten erwarten und einfordern. Ein gesellschaftliches Leben besteht eben nicht nur darin auf seine individuellen Freiheiten zu pochen, sondern ebenfalls seine Bürgerpflichten wahrzunehmen und zu erfüllen. Der Staat darf nicht nur als einseitiger Vertragsanbieter angesehen werden.
Aus diesen Gründen ist eine Impfpflicht auf kurz oder lang unseres Erachtens unumgänglich. Natürlich ist die Impfpflicht ein Eingriff in die individuelle Freiheit. Aber ohne erhöhte Impfquote wird diese Pandemie nicht gebrochen werden können und die gesamtgesellschaftliche Freiheit wird weiter eingeschränkt bleiben. Die gesellschaftliche Frage ist also, ob dieser Eingriff in die individuelle Freiheit in Abwägung mit einer offenen Gesellschaft zu rechtfertigen ist oder nicht. In Anbetracht der Delta- und der Omicronvariante sollte dies zu rechtfertigen sein.
Da demokratische Prozesse auch über die gesamte Pandemiezeit hinweg eingehalten wurden und weiterhin werden, spricht natürlich niemand von einem Impfzwang. Dieser wird es in einem demokratischen Staat, wie Luxemburg einer ist, niemals geben. Um eine Impfpflicht führt jedoch augenblicklich kein Weg vorbei. Aus Solidarität haben viele Einzelne freiwillig eine Impfung akzeptiert – mittlerweile wurden fast eine Million Impfungen in Luxemburg verabreicht, nun muss der Staat seine Verantwortung übernehmen und den Druck, ja die Pflicht denjenigen zuschreiben, die sich bisher der gesellschaftlichen Verantwortung entzogen haben.
Das Luxemburger Parlament sollte, frei von kleinkariertem Politikgeplänkels eine Entscheidung in diesem Punkt herbeiführen, um somit beste Voraussetzungen für ein Ende der Notsituation legen zu können. Das Strahlende ist so nah, mit einer Impfpflicht gar greifbar.
Ben STREFF, Max LENERS, Max MOLITOR.
[1] Ferdinand VON SCHIRACH, Alexander KLUGE, « Trotzdem », S.58.
[2] Stand: 13. Dezember 2021.